Wie kam's denn dazu?
Kirchliche Entwicklungen in Württemberg

seit 1945 - Teil 1

von Rolf Scheffbuch, Korntal

(abgedruckt in: Lebendige Gemeinde 12/1998)

Warum bloß ist's so gelaufen?

Rolf ScheffbuchEigentlich war der Pietismus in Württemberg durch Pfarrer ins Leben gerufen worden. Wie kam es denn zu dem heute so starken Misstrauen zwischen Pfarrern und Pietisten?

Durch mehr als zwei Jahrhunderte gab es in Württemberg den Pietismus nur vor Ort als Gemeinschaftsstunde; landesweite Verbände landeskirchlicher Gemeinschaften gab es erst seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Sie waren schwache Gebilde mit einem Mini-Stamm hauptamtlicher Mitarbeiter. Wie kam es denn dazu, dass gerade in Württemberg sich der Pietismus zu einer geachteten und auch gefürchteten Größe zusammenfand?

Eine ganze Generation lang war die württembergische Pfarrerschaft stark geprägt durch die Bibelauslegung von Adolf Schlatter und durch die Theologie von Karl Heim. Wie kam es denn bloß dazu, dass diese Prägung voll Ehrfurcht vor der Heiligen Schrift so stark verlorenging?

Die Bekennende Kirche hatte eigentlich die konsistoriale Verwaltungskirche abschaffen wollen, auch das Ausbildungsmonopol der staatlichen Theologischen Fakultäten. Wie kam es denn dazu, dass die Verwaltungskirche immer stärker ausgebaut wurde? Wie kam es dazu, dass nur noch an Universitäten Ausgebildete eine Chance hatten, in den Pfarrdienst übernommen zu werden?

Aus den Wirren des Kirchenkampfes im Hitlerstaat war die Evangelische Landeskirche in Württemberg herausgekommen mit einer unüberbietbaren Treue zum Landesbischof, auch mit einer vertrauensvollen Loyalität gegenüber dem Oberkirchenrat. Wie kam es aber dann dazu, dass heute der Wille zum Leiten ebenso schwach erkennbar ist wie die Bereitschaft zum Sich-leiten-Lassen?

Solchen Fragen muss nachgegangen werden. Andernfalls werden kirchliche Vorgänge nur vordergründig beurteilt. Die Antworten können unterschiedlich ausfallen. Aus meiner Erfahrung und aus meiner Sicht jedoch möchte ich das Folgende beitragen - mit der Bitte um Korrektur, Ergänzung oder Widerspruch.


1945 - kein Zusammenbruch der Kirche

1945 endete das Deutsche Reich im "Zusammenbruch". Für die Kirche jedoch war es kein Zusammenbruch. Sofort nach dem Einmarsch der Besatzungsmächte rief sonntäglich wieder die auf dem Kirchturm übrig gelassene Glocke zum Gottesdienst. Zwar gab es damals noch keine Rundfunksendungen, keine Tageszeitungen; die Schulen waren noch geschlossen. Aber die Kirche lebte. Auf Wunsch und mit Billigung der Besatzungsmächte wurde an Pfarrhäusern und kirchlichen Gebäuden "Off-Limits"-Hinweise angebracht. Kein kirchliches Gebäude wurde geplündert, kein Pfarrhaus musste geräumt werden. "Durch Güte" von Pfarrhaus zu Pfarrhaus spedierte Briefe erreichten in erstaunlich kurzer Zeit ferne Ziele.

"Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden."

Eben noch hatten Gottesdienstbesucher zu fürchten, dass ihr Name auf "schwarze Listen" käme. Nun aber waren mit einem Mal die Gottesdienste bis auf den letzten Emporenplatz der Kirchen besetzt.

Eben noch hatten Pfarrer zu fürchten, wegen eines einzigen missdeuteten Wortes als Volksverräter denunziert zu werden. Bald nach 1945 jedoch wurden Pfarrer von bisherigen Parteimitgliedern gebeten, ihnen Entlastungszeugnisse auszustellen.

Eben noch war bei Tag und Nacht das Firmament erfüllt vom Dröhnen alliierter Bomberströme. Aber schon bald nach 1945 leisteten die Kirchen der Siegermächte Hilfe zum Überleben und zum kirchlichen Wiederaufbau - angefangen von Trockenmilch für hungernde Kinder über Papier zum Bibeldruck bis hin zu ganzen Notkirchengebäuden.

Eben noch war der Staat mit seiner Verwaltung - hinunter bis zum letzten dörflichen Bürgermeister - eine Macht gewesen, welche die Kirche zu erdrücken schien. Nun aber wurde schon in den Anfängen staatlichen Neubeginns die "Verantwortung vor Gott" bewusst in die neuen Landesverfassungen aufgenommen; Religionsunterricht war garantiert als "ordentliches Lehrfach".

Wir waren damals benommen. Wir konnten das alles nicht recht registrieren, nicht recht bewerten. Erst später begriffen wir nach und nach:
  • dass die zurückliegende Zeit, da Evangelische Jugendarbeit auf rein Religiöses beschränkt war, auch einen Gewinn darstellte;

  • dass die unverhältnismäßig vielen zum Kriegsdienst eingezogenen Pfarrer damit auch aus dem Elfenbeinturm normaler Theologenexistenz herauskamen, ja dass viele dabei auch Leitungsverantwortung und Fähigkeit zu raschen Entschlüssen lernten;

  • dass der Verkündigungsdienst von Laien, gerade auch von Frauen, nicht nur eine Notmaßnahme für sonst geistlich nicht versorgte Gemeinden sein durfte;

  • dass die in württembergische Orte hineinbrandenden Ströme von Flüchtlingen und Neubürgern nicht nur Last, sondern auch Bereicherung des ganzen kirchlichen Lebens bedeuteten;

  • dass die evangelisch-katholische Gastfreundschaft bei der Überlassung kirchlicher Räume nicht nur eine vorübergehende Bezeugung guten Willens sein durfte.

Wir waren aber auch zu benommen, um die deutsche Schuld am jüdischen Volk wirklich zu erkennen und wach als Schuld zu registrieren. Nein, einen "Zusammenbruch" bedeutete das Jahr 1945 für die Kirche nicht, erst recht keine "Stunde Null". Aber 1945 brachte einen tiefgreifenden Einschnitt. Wir waren trotz engagierten Weitermachens wie betäubt, wie aus einem schlimmen Traum noch nicht recht erwacht.


1945 und danach - keine gemeinsame Konzeption

Wie es nach einem eventuellen "Danach" weitergehen könnte, das hatten vor 1945 nur wenige Kirchenleute bedacht. Zu ihnen gehörte etwa Dozent Pfarrer Dr. Helmut Thielicke. Er hatte eine Konzeption für mögliche "Evangelische Akademien" entworfen.

Aber mit 1945 sprossten eine Fülle von Konzeptionen aus dem Boden. Für die einen war die "Stunde der Evangelisation" gekommen; die Männererweckung in den Kriegsgefangenenlagern ermutigte dazu. Die evangelische Jugendarbeit sah sich evangelistisch herausgefordert. Der ins Württembergische verschlagene Berliner Pfarrer Joachim Braun wurde beauftragt, Volksmission als kirchliche Arbeit aufzubauen.

Anderen ging's jedoch mehr um "Moralische Aufrüstung". Die einen stellten sich ein auf eine neue Stunde parochialer Gemeindearbeit. Anderen ging es mehr um die "Kirche in der Arbeitswelt". Die einen setzten ökumenisch auf die "Una Sancta", für andere lag die Zukunft im Konfessionalismus. Die einen rechneten damit, dass jetzt erst recht das "Jahrhundert der Kirche" anbreche; andere - wie etwa Hans Asmussen - sagten ein neues Aufbrechen an von Säkularismus, Heidentum und politischem Messianismus, von fanatischer Sektiererei und von religiöser Verwirrung. "Jeder sah auf seinen Weg".

Vor allem aber kam die konsistorial geprägte Kirche rasch wieder in die Gänge. Zwar war der württembergische Oberkirchenrat nur behelfsmässig im Großheppacher Mutterhaus untergebracht. Aber gleich nach dem Zusammenbruch gehörte zu seinen ersten Druckerzeugnissen, von Kurieren in großen Rucksäcken vor Ort geschleppt, eine in die Gesangbücher einzulegende neue Abendmahlsordnung. Sie war am Vorbild von Luthers "Deutscher Messe" ausgerichtet. Zielstrebig begann die Herrschaft der Liturgiker und der Kirchenmusiker. Sie führte schließlich zum Einheitsgesangbuch von 1953, in dem das Erweckungslied fast völlig ausgemerzt war, als "englisches" Liedgut diffamiert.

Was jedoch war aus der Konzeption "Gemeinde von Brüdern" geworden? Zu ihr hatte sich die Synode von Barmen (1934) bekannt. Damals war bis in Rechtskonsequenzen hinein durchdacht und gefordert worden: Nie wieder konsistoriale Verwaltungskirche! Nie wieder geistlich unklare "Volks"kirche! Denn Kirche konkretisiert sich als Gemeinde vor Ort! Sie muss Kirche von Bekennern sein, die wirklich Christen sein wollen!

Darum auch weg vom Ausbildungsmonopol staatlicher Evangelischer Fakultäten! Mit der Gründung Kirchlicher Hochschulen hatte die Bekennende Kirche in schwerster Zeit gezeigt, wie kircheneigene Ausbildungsstätten aussehen können. Bonhoeffer war mit seinem Modell "Finkenwalde" noch weiter gegangen: Die Ausbildung künftiger Pfarrer müsse in geradezu klösterlichen Ausbildungsstätten erfolgen, die geprägt seien von gemeinsamem geistlichem Leben!

Ich sehe fünf Gründe, warum diese Konzeption nicht realisiert wurde:
  1. Es ist leichter, Trümmer wohnlich zu machen, als einen Neubau zu wagen. Der Staat musste beim Aufbau eines freiheitlich-demokratischen Staatswesens Neues wagen. Der kirchliche Neubau aber fand - so hat es Professor Dr. Joachim Mehlhausen 1998 vor der EKD-Synode formuliert - "auf einem Trümmergelände statt, das man - um im Bilde zu bleiben - nicht einfach planieren konnte. Auf diesem Trümmergelände gab es ... alte Grundmauern, stehen gebliebene Gebäude und Grenzsteine", nämlich traditionsreiche und bekenntnisbestimmte Landeskirchen sowie die drei konfessionellen Lager der Lutheraner, der Reformierten und der Unierten.

  2. Die Volkskirche erwies sich gerade 1945 als nicht ganz so erloschen, wie manche befürchtet hatten, unter der Asche fand sich noch viel Glut.

    In Kriegsgefangenencamps und in den Heimatgemeinden zwischen Flensburg und dem Bodensee gab es überaus stark besuchte Gottesdienste; es gab Hunger nach der Bibel, nach dem Abendmahl, nach Seelsorge und gemeinsamem Beten. Durfte man denn in einem solchen Augenblick daran gehen, "zwischen Schafen und Böcken zu scheiden", um anstelle von Volkskirche ein Netz von Freiwilligkeits- und Bekenntnisgemeinden zu bauen?

    Auch an den Evangelischen Fakultäten der Staatlichen Universitäten überrollte die Realität alle bisherigen Konzeptionen: Die Studienplätze reichten nicht aus für die vielen Heimkehrer und Kriegsversehrten, die in schrecklichen Kriegszeiten tiefe geistliche Erfahrungen gemacht hatten. Die Kirche war elementar darauf angewiesen, rasch wieder eine große Nachwuchsgeneration zu bekommen; denn gerade die Pfarrerschaft hatte im Krieg einen unvorstellbaren Blutzoll zahlen müssen.

  3. In jenen außerwürttembergischen Kirchen, in denen einst die Bekennende Kirche stark gewesen war, wurden nach 1945 deren beste Köpfe rasch zu Oberkirchenräten, Landessuperintendenten und Universitätsprofessoren berufen. Sie alle gehörten mit einem Mal zum "Establishment". Sie sahen sich als "Erben von Barmen", gerade indem sie die vom Joch nazistischer Bedrohung befreite Kirche wieder aufbauten. Aber auch in der von ihnen verantworteten konsistorial verfassten Kirche wollten sie nicht ganz auf die Erkenntnisse von Barmen verzichten. Vielmehr wurde die Fülle der neu entstehenden Ordnungen, Gesetze und Agenden so formuliert, als ob die realexistierende Volkskirche de facto eine Bekenntniskirche wäre. So heißt es etwa im § 1 des Württembergischen Pfarrergesetzes: "Alle Glieder der Kirche sind durch die Taufe berufen, der Welt das Evangelium von Jesus Christus zu bezeugen". Eine Ausnahme bildete die damalige Kirchliche Wahlordnung. Sie machte zur Pflicht eine persönliche Anmeldung zur Wahl und eine Prüfung der so Angemeldeten durch den Kirchengemeinderat. Aber auch dies fiel bald immer häufiger aus und darum konsequent bald auch weg.

  4. Die radikale Barmen-Konzeption wurde entscheidend vom konsistorialkritischen Martin Niemöller vertreten. Viele aus dem kirchlichen Establishment sahen ihn zwar achtungsvoll als Märtyrer des Kirchenkampfes an, aber zugleich auch als liebenswerten Schwärmer und als fanatischen Haudegen. In Württemberg waren es Theologen wie Hermann Diem und Paul Schempp, die eintraten für "Verselbständigung der Gemeinden" und für "Abwehr des weltlich-juristischen Verwaltungsapparates". Während des Kirchenkampfes in den Dreißiger Jahren hatten sie in fast rüder Weise Landesbischof und Oberkirchenrat beschimpft. Dadurch hatten sie sich um Sympathien weiter Kreise der Pfarrerschaft gebracht, erst recht aber des Oberkirchenrates und des Landesbischofs. Allein schon diese persönlichen Aversionen ließen es indiskutabel erscheinen, die radikale Barmen-Konzeption zur Grundlage der Neuordnung zu machen.

    Landesbischof D. Theophil Wurm
  5. Landesbischof D. Theophil Wurm suchte taktisch klug und in erstaunlicher Beharrlichkeit einen Weg, der "eine handlungsfähige große Volkskirche" zum Ziel hatte. Sie sollte "einen deutlich sichtbaren Platz in der Öffentlichkeit der Nachkriegszeit" (Mehlhausen) bekommen.

    Das sofort im Sommer 1945 in Treysa begonnene Einigungswerk der Kirchen in Deutschland konkretisierte sich 1948 in der EKiD. Sie war zwar kein Dom, aber immerhin eine Baracke, zwar nicht Kirche, sondern eben nur Kirchenbund. Immerhin waren damit die Weichen gestellt, die schließlich konsequent hinführten zum Einzug der Kirchensteuer durch das Finanzamt, hinführten aber auch zu immer reichlicher sprudelnden Geldquellen. Aus den Trümmern entstand aufs Neue die alte Amts- und Verwaltungskirche, die sich aufs Engste liierte mit den Fakultäten. Es gab nur wenige, die vor diesem Weg warnten. Wilhelm Busch-Essen gehörte dazu. Er schrieb dem rheinischen Präses Held, einem Kampfgefährten aus dem Kirchenkampf: "Offensichtlich gibt es kirchliche Stellen, die vor einem Zuviel an Autorität gar keine Angst haben... Die totale Kirche ist nach den Erfahrungen des Kirchenkampfes in der nächsten geistlichen Überfremdung, die ja bereits eingesetzt hat, verloren. Darum: Kehrt um von diesem Weg!"


Zäsuren haben ihre Chance. Auch die Zäsur von 1945 hätte eine Chance von kirchengeschichtlicher Bedeutung sein können. Aber die Chance hin zur Bekenntniskirche wurde nicht wahrgenommen. Vielmehr wurde die Stunde der Strukturen eingeläutet: der neuen Agenden, der neu zu schaffenden Dekanatsbezirke, der neuen Parochien, des Ausbaus der EKiD und ihrer Arbeitszweige.

Der hohe Preis für die "große Volkskirche" Wurm'schen Ideals bestand, wie Mehlhausen überzeugend herausgearbeitet hat, in der "Konfliktgemeinschaft", welche die EKiD darstellte. All die theologischen, strukturellen, ethischen und politischen Unterschiede innerhalb der EKD entzündeten sich sogar dort erst recht, wo sie unter dem Druck standen, ihr besonderes Profil zu Gunsten des gemeinsamen Erscheinungsbildes aufzugeben.

Als gewisses Korrektiv zur wiedererstarkten konsistorialen Kirche wurde durch Reinold von Thadden-Trieglaff 1949 der "Deutsche Evangelische Kirchentag" ins Leben gerufen. Er war bewusst Laienbewegung und ebenso bewusst freies Werk. Der Kirchentag sollte geistliche Impulse in die Gesamtkirche hinein geben, zu welchen die Verwaltungskirche nicht fähig war. Aber nicht viel mehr als zehn Jahre später wurde auch der Kirchentag von jener "geistlichen Überfremdung" erfasst, von der Wilhelm Busch warnend gesprochen hatte.


Die geistliche Überfremdung der Kirche nach 1945

Bis etwa 1951 standen im Vordergrund kirchlichen Lebens Einweihungen renovierter und neuerbauter Kirchen, Glockenweihen, Posaunentage und Evangelisationen, Gustav-Adolf-Feste und Jugendtage. Ein Höhepunkt gemeinsamen kirchlichen Lebens war der Stuttgarter Kirchentag (1952). In Straßenbahnen und auf dem Weg zum Cannstatter Wasen waren chorälesingende Teilnehmer zu finden. Mehr als hunderttausend Dauerteilnehmer ließen sich anziehen von dem, was die Kirche zu sagen hatte.

In dieser Kirche wollte der schwäbische Pietismus zuhause sein. Zwar hatten die pietistischen Gemeinschaften viel Jugend an örtliche evangelische Jugendgruppen und CVJMs verloren. Aber viele der Stundenleute freuten sich auch daran, dass auf diese Weise junge Menschen in den Glauben hineinfanden.

Der erste geistliche Aufbruch der Nachkriegszeit war jedoch schon damals im Abklingen. Die Emporen der Kirchen hatten sich nach und nach wieder geleert. Im angebrochenen Atomzeitalter hatten die Naturwissenschaften ihren Siegeszug angetreten. Naheliegend war darum die Frage: "Wie kann man denn einem modernen Ingenieur das biblische Evangelium so vermitteln, dass er nicht vor den Kopf gestoßen sein muss? Wie kann man ihn für das ‚Eigentliche' am Evangelium gewinnen?"

Rudolf Bultmann, der Marburger Neutestamentler, schien die Antwort zu haben. Sein schon 1941 in Alpirsbach gehaltener Vortrag, eine "Entmythologisierung" des Neuen Testamentes fordernd, wirkte wie ein Funke, der in ein Pulverfass fällt. Das schien doch die Lösung zu sein: Man konnte das "Kerygma" als Kern loslösen von allem überholten Weltbildhaften! Die "existentiale Interpretation" meinte doch vermutlich nicht viel anderes als das, was früher mit Bekehrung, mit Umkehr und mit Einkehr samt dem Neu-Denken gemeint war!

Von Bonhoeffer, der erst nach und nach bekannt wurde, nahmen viele Theologen nichts so stark auf wie seine Parole von der nichtreligiösen Interpretation der biblischen Begriffe. Von Karl Barth, der damals noch viel gelesen wurde, holten sich viele Theologen nur das aus dem dialektisch aufgebauten Material, was in ihr neues theologisches Weltbild passte.
Foto Landesbischof Martin Haug
Es muss zu Ehren des von Landesbischof Martin Haug (1949 Nachfolger von Landesbischof Wurm) und zu Ehren des Oberkirchenrats gesagt sein: Sie haben erkannt, in welche Grundlagenkrise Bultmanns Programm die Kirche stürzte. Trotz allen gutgemeinten missionarischen Wollens lief es hinaus auf eine einschneidende Reduktion des Bekenntnisses und auf eine Abkehr von heilsgeschichtlichen Fakten hin zu einer religiösen Deutung von Mythen und Symbolen. Es war jedoch der Versuch von Haug und vom württembergischen Oberkirchenrat, der sehr bewusst von Haug geleitet wurde, die anstehenden Probleme wissenschaftlich aufzuarbeiten. Sie sollten nicht ausufern in einen emotional aufgeheizten Streit auf breiter Ebene. Eine solche wissenschaftliche Aufarbeitung sollte zum Ziel haben, die falsche Interpretation zu entlarven, die "entscheidende Züge" der neutestamentlichen Botschaft letztlich "eliminiere" und nicht eben nur "interpretiere". Zu solch wissenschaftlicher, aber auch echt kritischer Aufarbeitung waren weder Pfarrerschaft noch die Tübinger Fakultät bereit. So kam es dazu, dass das Problem "durch die Decke ins Stockwerk der Gemeinde tropfte" (Paul Deitenbeck). Der Streit eskalierte.

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