Landessynode, Bild: Amt für Information/Eidenmüller

Bericht aus der Landessynode

Sommertagung vom 13. bis 15. Juli 2006

Hitzige Debatte in der Synode:
Wie begegnen wir Muslimen?

Lebendige Gemeinde: Frage nach der Wahrheit nicht ausklammern

Es war eine der heißesten Synodaldebatten der letzten Jahre. Schuld daran waren nicht nur die hochsommerlichen Temperaturen in Aalen, sondern ein Thema, das die Gemüter erhitzte: Über den Islam wurde diskutiert, genauer gesagt: über das Zusammenleben von Christen und Muslimen in unserem Land. Die Synode verabschiedete nach zähem Ringen eine Erklärung mit dem Titel: »Miteinander leben lernen«.

Das Papier selbst ist ein typisches Kompromisspapier, das kaum historische Bedeutung erlangen wird. Bemerkenswert sind jedoch die Reden, die zu diesem Papier gehalten wurden. Sie offenbaren einen tiefen Dissens in unserer Kirche – und das nicht über eine Lappalie oder eine Randfrage, sondern über die wichtigste Frage überhaupt: die Frage nach der Wahrheit unseres Glaubens.

Bitte die Augen nicht verschließen!

Zunächst einmal ist zu sagen: Das Thema ist brandaktuell und hochbrisant. Wie Christen und Muslime miteinander umgehen, wie wir als Kirche dem Islam begegnen – das ist eine der entscheidendsten Fragen unserer Zeit. Gut, dass sich die Synode dieser Herausforderung gestellt hat! Wir können nicht so tun, als gäbe es keine Muslime in unserer Nachbarschaft. Die Augen vor ihnen zu verschließen, wäre alles andere als weitsichtig. Nein, wir Christen in Württemberg müssen Wege fi nden, wie wir mit Muslimen reden, wie wir miteinander umgehen und uns gegenseitig besser verstehen. Daher ist es wichtig, dass wir auf Muslime zugehen, ihnen begegnen und mit ihnen sprechen. – Wie diese Gespräche aber zu führen sind, darüber ist sich die Synode zutiefst uneins.

Bitte die Wahrheit nicht verschweigen!

»In diesem Gespräch darf die Frage nach der Wahrheit des Glaubens nicht ausgeklammert werden; es muss vielmehr für das gegenseitige Zeugnis offen sein.« Dieser Satz steht auf Antrag der Lebendigen Gemeinde in der Erklärung – trotz vehementen Widerspruchs. Viele Synodale anderer Gesprächskreise wollten jede auch noch so sachte Andeutung des Missionarischen unbedingt vermeiden. Dass im Gespräch mit Muslimen das »missionarische Christuszeugnis« Raum haben soll, lehnten andere Gesprächskreise mehrheitlich kategorisch ab. Sie wollten nicht einmal ausgesprochen haben, dass sich Jesus »zum Heil der Welt« offenbart habe. Zwar steht diese Grundaussage unseres Bekenntnisses dank der Lebendigen Gemeinde nun doch im Papier – allerdings erst nach einer stundenlangen Debatte.

Man fragt sich: Was motiviert manche Synodale zu solch energischem Widerstand gegen Selbstverständlichkeiten unseres Glaubens? Ist es zu anstößig, von Christus als dem Retter zu reden – oder ist es nicht political correct, nicht angemessen, nicht opportun? Sollte es gar verboten sein, im Gespräch mit Muslimen, zur eigenen Überzeugung zu stehen und von ihr zu reden?

Bitte ein echtes und ehrliches Gespräch!

Ich meine, ein solches Verständnis des interreligiösen Dialogs ist völlig unangemessen. Denn es verkennt die Bedingungen des Dialogs. Es ist blind für das, was geschieht, wenn sich Menschen unterschiedlichen Glaubens begegnen. Jeder Gesprächspartner – der Christ wie der Muslim – hat seine Überzeugung. Jeder hat seinen Glauben. Und jeder will den andern überzeugen: der Christ den Muslim und der Muslim den Christ. Nur wenn sich beide so begegnen – mit Selbstbewusstsein und mit dem Anliegen, den andern zu gewinnen, – kann ein echtes Gespräch zustande kommen. Alles andere wäre Augenwischerei, Heuchelei, ein nur scheinbarer Dialog. Authentizität ist gefragt. Menschen sind gefragt, die zu ihrem Glauben stehen und andere gewinnen möchten – weil sie von der Wahrheit ergriffen sind. Wer von der Wahrheit ergriffen ist, kann nichts anderes zu tun, als sie zu bezeugen.

Freilich, im Gespräch mit Andersglaubenden kommt es dann auch zum Widerspruch. Da steht eine Überzeugung gegen die andere. Wahrheitsansprüche konkurrieren. Aber genau das ist der Fall: Christen und Muslime glauben nicht dasselbe, sie glauben nicht an denselben Gott. Das macht doch unsere viel beschworene Situation der Pluralität aus: dass Wahrheitsansprüche gegeneinander stehen. Diese Wahrheitsansprüche aber gilt es auszusprechen. Wer sich der Wahrheit und dem Streitgespräch um sie nicht stellt, stellt sich auch nicht der Pluralität. Ich meine daher, es ist an der Zeit, dass wir einen ernsthaften Dialog führen, der das gegenseitige Zeugnis nicht ausklammert, sondern für die Frage nach der Wahrheit offen ist. Landesbischof Frank Otfried July brachte es in seinem Bischofsbericht auf den Punkt: »Ohne das Wahrheitsbewusstsein des christlichen Glaubens, das seine Wahrheit von Jesus Christus her empfängt, kann keine wirkliche Begegnung und kein wirklicher Dialog stattfinden.«
Steffen Kern


Bericht: Steffen Kern, Walddorfhäslach

Beraten und Beschlossen Wenn Sie weitere Informationen wünschen, verweisen wir auf die vom Amt für Information zu jeder Tagung herausgegebene Schrift "beraten und beschlossen", die Sie als PDF-Version auf den Seiten der Landeskirche finden.


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